Bordeaux 2010 – wieder ein großer Jahrgang!

Der Verkostungsmarathon liegt hinter uns! Sechs Tage in Bordeaux, viele Kilometer im Auto gesessen, viel zu viel gegessen, ebenso viel getrunken. Die Woche, in denen die Weingüter des Bordelais ihre Jungweine, die „Primeurs“ präsentieren, ist hart. Morgens um 8.00 geht es los, durch den obligatorischen Stau, um den man nur herum kommt, wenn man ein Hotel außerhalb der City bucht, hinaus ins Médoc, nach Saint-Émilion oder Pomerol. Überall warten große Präsentationen auf Weinhändler und Journalisten aus aller Herren Länder.
Dass der Jahrgang 2010 kein schlechter ist, wusste man bereits vorher. Manche Winzer prognostizierten bereits während der Lese, er sei besser als der magische Vorgänger.

Nach einer Woche mit vielen Verkostungen auf den Châteaux, bei Händlern und auf Gemeinschaftspräsentationen steht mein Urteil fest: 2010 ist ein weiterer ausgezeichneter Jahrgang, der mit manchen Regionen tatsächlich nicht schlechter als 2009 ist; manchmal sogar einen Hauch besser!
Die Weine des Médocs präsentierten sich am homogensten, Ausfälle habe ich bei keinem Weingut verzeichnet. Die Cru Classées aus Margaux, Saint-Julien, Pauillac und Saint-Estèphe boten ein ausgezeichnetes Bild – das muss man bei den Preisen aber auch erwarten!
Spannender für mich ist die mittlerweile kaum noch überschaubare Gruppe der Cru Bourgeois. Auf Château d´Agassac standen mehr als 200 Weine auf den Tischen!
Darunter ein paar echte Perlen, die mit wunderbar klarer, reifer Cabernet-Frucht überzeugten.
Diese Weine bieten wunderbaren Trinkgenuss zu gutbürgerlichen Preisen.

Meine Favoriten aus dem Médoc (Cru Bourgeois etc.):

2010 Château Rollan de By – Médoc 91
Seit ein paar Jahren der Darling vieler Weinhändler. Hier wird gearbeitet wie auf einem Grand Cru Classée, und so schmeckt der Wein auch! Tiefdunkel, „großer“ Duft nach Cassis, Graphit und Heidelbeeren; süße, sexy Frucht mit reifen Tanninen und viel mineralischer Frische. Konzentriert, aber nicht breit, wunderbar elegant und schmissig. Mehrfach verkostet.

2010 Château Haut-Condissas – Médoc 93 +
Das ist sozusagen die Auslese von Rollan de By, der „Grand Vin“, komplett im neuen Holz ausgebaut, z.T. sogar in speziellen Barriques vergoren. Da muss man nicht große diskutieren, dieser fast schwarze Wein mit seinem berauschenden Duft nach Cassis, Pflaume, Brombeere und Schokolade bewegt sich auf Cru Classée-Niveau. Dicht und komplex, konzentriert und rassig, sehr lang und frisch. Toller Stoff! Wer braucht da noch Lafite etc. zu vollkommen abgedrehten Preisen? Mehrfach verkostet.

2010 Poitevin – Médoc 88-89
Seit Jahren einer unserer Lieblinge! Hier kriegt man ganz einfach einen blitzsauberen Wein für wenig Geld! Médoc wie aus dem Lehrbuch: Dunkelbeerige Frucht mit Noten von Heidelbeere, Cassis, einem Hauch Kaffee. Feine, intensive Frucht, blitzsauber gestrickt und fein-mineralisch im langen Abgang. Für Schnäppchenjäger ein Muss! Mehrfach verkostet.

2010 Château Cambon-La Pelouse – Haut-Médoc 92
“BITURICA” nennt sich eine Gruppe junger und nicht mehr ganz so junger Winzer, die eine Art „Off-Bewegung“ gegründet haben, um dem traditionellen bordelaiser Tamtam zu entfliehen. Der Qualitätsstandard ist sehr hoch, die Preise dieser Weine jedoch nicht.
Cambon-La Pelouse machte einen hervorragenden Eindruck: Tiefdunkle Farbe, herrlich süß-mineralischer Duft mit viel Cassis, Heildelbeere, einem Hauch Kaffee und Graphit. Reife, satte Frucht mit feinen Tanninen und viel Schwung im langen Abgang. Ein Treffer! Mehrfach verkostet.

2010 Château Mille-Roses – Haut-Médoc 90-91
Sehr dunkel, feine, hoch reife Nase, nicht überreif! Tiefgründiger Duft: Cassis, Blaubeere, Graphit, Mineralien; süß und schmelzig am Gaumen, reife Tannine, frisch-mineralischer Nachhall. Gehört seit ein paar Jahren zu den zuverlässigsten Cru Bourgeois. Mehrfach verkostet, immer eine sichere Sache. Gehört ebenfalls zur Gruppe „BITURICA“

2010 Château Belle-Vue – Haut-Médoc 90-92
Gehört seit 2-3 Jahren zu meinen Favoriten! Mehrfach verkostet, immer voll überzeugend. Sehr dunkle Farbe, offener Duft nach Schwarzkirsche, Heidelbeere, Cassis und Graphit; reife, süße Frucht mit frischer Mineralität und reifen Tanninen. Lebhaft und sehr schön balanciert, frisch und elegant im langen Abgang. Die Investitionen von Vincent Mullier, der leider im Mai 2010 während eines Marathonlaufs tragisch verstarb, zahlen sich mehr und mehr aus.
Château Belle-Vue ist heute einer der ganz heißen Tipps des gesamten Médocs.

2010 Château de Gironville – Haut-Médoc 90-91
Vertrieb und Winemaking von der Belle-Vue-Equipe, gehört wie dieses Weingut zur „BITURICA“-Gruppe. Mehrfach verkostet und immer konstant bewertet. Auch hier sticht die sehr dunkle Farbe ins Auge; reifer, sehr feiner Duft nach dunklen Beeren, Süßkirsche, feinen Gewürzen. Rief und dicht in der Frucht, mit einer aristokratischen Note feine Tanninen, auch hier wieder begeistert die mineralische Frische im Finale. Sehr gelungener Wein!

2010 Château Lilian-Ladouys – Saint-Estèphe 90-92
Hat sich in den letzten 2-3 Jahren stetig verbessert. Kein kerniger Saint-Estèphe, sondern eher feminin mit feinen Holznoten, Trüffel, Brombeere und Kirsche. Rassig und feinfruchtig, dezente Mokkanoten, große Eleganz und mit edlem Tabakfinish. Für Freunde großer Eleganz!
Mehrfach verkostet.

2010 Château Le Petit Bocq – Saint-Estèphe 90-91
Wie letztes Jahr auch, einer meiner Lieblinge. Sehr dunkle Farbe, typisch für den Jahrgang bei Cabernet-dominierten Weinen. Verführerischer Duft nach Blaubeeren und Cassis, ein Hauch Schokolade; süß und sexy am Gaumen, mit feinen Tanninen und frischer Mineralität. Ausgewogen und lang, dabei fein, fein, fein…..Mehrfach verkostet.

2010 Sainte-Gemme – Haut-Médoc 89-90
Überraschung! Gehört zu Lanessan, liegt gleich unterhalb von Saint-Julien (Beychevelle).
Voll auf Eleganz ausgelegt; feine, reife Frucht, rotbeerig und ein Hauch Blaubeeren, mineralisch (Graphit) und frisch. Reife, rassige Tannine, feinfruchtig am Gaumen und lebendig im Abgang. Großartiger Genuss für wenig Geld; wird wohl unter 10 Euro in der SUB kosten! Mehrfach verkostet.

2010 Lanessan – Haut-Médoc 92

Der große Bruder legt noch eine Schüppe drauf! Noch dunkler, fast schwarz. Nobler Duft mit viel Cassis, Blaubeere, Brombeere, der bereits mehrfach erwähnte Graphitton fehlt natürlich auch nicht. Süße, rassige und dichte Frucht, große Finesse, wunderbare Länge. Wer braucht da noch deutlich teurere Cru Classées? Sicher einer der besten CBs. Mehrfach verkostet, auch direkt auf dem Château bei der bezaubernden Paz Espejo, der charmanten Regisseurin von Lanessan.

2010 Mayne-Lalande – Listrac 92
Die Entdeckung! Hatte ich bisher nicht auf der Karte. Sehr dunkel, feiner Duft, absolut Cabernet-typisch mit Aromen von Cassis, Blaubeere, Graphit, Zeder und einem Hauch Kaffee. Herrlich reife, verführerische Frucht, charmante Tannine, tolle Balance; mineralische Süße im langen Abgang. Ein echter Treffer, dürfte in der SUB auch nicht teuer werden. (ca. 12-14 Euro). Mehrfach verkostet.

weitere Appellationen folgen

abends in der Welthauptstadt des Weines

über Bordeaux und seine Weine kann man ja denken wie man will. Dass viele Weine vollkommen überteuert sind, dass viele berühmte Weingüter dem “normalen” Weintouristen ihre Pforten nicht öffnen, dass die bekannten Châteaux Großkonzernen gehören und herausgeputzt sind wie Märchenschlösser – geschenkt, stimmt alles! Trotzdem gibt es auch in nahezu allen Anbaugebieten des Bordelais Winzer, die wunderbare Weine produzieren zu Preisen, die für Jedermann bezahlbar sind. Viele dieser Weine findet man in der Gastronomieszene der Gironde-Stadt, die lebhaft und nicht abgehoben ist. Man muss nicht zwangsläufig in Michelin-bewährte Läden gehen, um abends nach einem anstrengenden Tag am Meer oder im Médoc kulinarisch den Tag ausklingen zu lassen.

Am Tag meiner Ankunft, vor dem großen Theater der Primeurverkostungen, blieb nur wenig Zeit, sich zu stärken. Nur wenige Minuten Fußweg vom Hotel entfernt an der Place de Gambetta findet man eine bordelaiser Institution, die mit Lederbänken und Spiegeln eine Brasserie wie aus dem Bilderbuch ist. Le Régent bietet klassische Bistrogerichte und eine sensationell preisgünstige Weinkarte, auf der sich Trouvaillen wie Château Poujeaux 2006 zu sagenhaft günstigen 27,00 € pro Flasche finden.

Unter Weinhändlern sehr beliebt und jeden Abend brechend voll ist die Brasserie Bordelaise mit ihrer riesigen Weinauswahl und einer blitzsauberen, traditionellen Küche. Côte de Boeuf, Austern aus Arcachon, Hühner aus den Landes und eine großartige Entenblutwurst sorgen für wohlige Sättigung bei Weinnasen aus aller Welt. Unbedingt reservieren!

Eine echte Entdeckung und ein Tipp von einem befreundeten Kollen: Verretigo, ein kleines Restaurant/Weinbar nur einen Steinwurf vom Mériadeck-Einkaufszentrum entfernt. Sensationelle Weinkarte, wenige Gerichte, viel Fleisch, alles gekonnt präsentiert von drei weinverrückten Typen, die auch ihre letzten Zigaretten mit uns geteilt haben. Die Verkostungen der 20010er hing mir noch in den Knochen, und so war dieser letzte Abend im Verretigo eine Streicheleinheit für den Gaumen und die Seele.

eine Zusammenfassung der Primeurverkostungen des Jahrgangs 2010 folgt. Eins ist klar: vor allem die Weine des Médocs müssen sich nicht verstecken hinter dem hochgelobten 2009er.

habe die Ehre!

Karl Richter

Bordeaux – immer eine Reise wert!

Am Tag meiner Ankunft war der Himmel bedeckt, graue Wolken hingen schlaff über Bordeaux und den angrenzenden Weinregionen. Ein schlechtes Omen für die Präsentation der Jungweine des Jahrgangs 2010? Die ganze Weinwelt pilgerte wieder ins Zentrum der Weinwelt, um sich ein Bild vom Jahrgang zu machen, der bereits während der Ernte mit reichlich Vorschlusslorbeeren bedacht wurde. “Ist er sogar besser, als der magische Vorgänger” fragten sie die Produzenten angesichts vollreifer, vollkommen gesunder Beeren, die über die Sortiertische perlten wie übergroßer Kaviar, die Erntehelfer tatenlos daneben stehen lassend, denn es gab nichts, was auszusortieren war. Perfektes Lesegut musste nur noch zu Wein vergoren werden.

Jetzt, sechs Monate später, stehen die Weine zur Verkostung an, und alle sind gespannt, wie sich der Jahrgang 2010 präsentiert. 2010 war kein sehr heißes Jahr, die Temperaturen waren eher durchschnittlich. Doch es schien die Sonne länger und öfter als in anderen Jahren. Regen war jedoch das Problem. Zu wenig ist nämlich auch nicht gut, das kann zu trockenen, unreifen Tanninen führen. Der allgemeine Verlauf meinte es jedoch gut mit Winzern und Schlossherren, denn das, was ich in den ersten beiden Tagen verkostet habe, gibt zum Jubeln Anlass. Vor allem die Weine aus dem Médoc sind großartig und in der Tat vielleicht noch einen Hauch besser als der hoch gelobte 2009er. Man glaubt es kaum! Geprägt von einer durchgehend tiefdunklen, hochkonzentrierten Farbe und einer wunderbar reifen, frischen Frucht, werden diese Weine zu den besten der letzten Jahrzehnte gehören. Schwarze Zähne und Zungen allerorten legen Zeugnis darüber ab, dass es sich bei den 20010ern um großartige Weine handelt, die es wert sind gekauft zu werden.

Rund 300 Weine aus dem Médoc habe ich verkostet, um sicher zu gehen zum Teil mehrfach. Wenn die Preise durch die Nachfrage des asiatischen Marktes nicht vollkommen ruiniert werde, wird es natürlich ein Subskriptionsangebot geben. Davon später mehr.

habe die Ehre

Karl Richter